Museum und Macht – Ein Besuch im vorarlberg museum

vorarlberg museumVor kurzem hatte ich die Möglichkeit, das neu eröffnete vorarlberg museum in Bregenz/ Österreich zu besuchen. Bereits vor einem guten Jahr konnte ich im Rahmen der ICOM Bodenseekonferenz den Rohbau besichtigen und das Museumskonzept kennenlernen.
Nun war ich höchst gespannt, wie das ambitionierte Projekt umgesetzt wurde.
Um es vorweg zu nehmen: Es gibt viele Dinge, die mich an diesem Museum begeistern. Hier möchte ich mich aber auf das Thema Macht und Museum beschränken.

Das vorarlberg museum halte ich für ein gutes Beispiel wie es Museen gelingen kann, die Deutungshoheit und damit die Macht über die Dinge, ihre Geschichten und ihre Wahrnehmung in Frage zu stellen: Es macht seinen Besuchern das Angebot, die Mechanismen eines Museumsbetriebs zu verstehen, die Autorität der Institution (genauer: der darin tätigen Menschen) zu hinterfragen und lädt sie zugleich ein, ihre Sichtweisen und ihr Wissen in die präsentierte(n) Geschichte(n) einfließen zu lassen.
Das Schlagwort „Partizipation“ ist mittlerweile in aller Munde. Aber nicht selten verbirgt sich hinter der lautstark verkündeten Parole keine wirklich ernst gemeinte Einladung zur Teilhabe. Dem vorarlberg museum ist es gelungen, diese Angebote unaufgeregt und wie selbstverständlich in die Ausstellung hinein zu weben.

Wer spricht? – Transparenz im Museum
Ausstellungen werden von Menschen gemacht. Im vorarlberg museum werden – wie erfreulicherweise in immer mehr Museen  – das Autoren- und Gestalterteam und all die Personen, deren Wissen in die Ausstellung eingeflossen ist, nicht nur im Kleingedruckten des Katalogs benannt, sondern auf gut sichtbaren Impressumstafeln in den Ausstellungen selbst. Dies ist verbunden mit der Einladung, die Ausstellungen gemeinsam weiter zu formen:

Ausstellungstafel vorarlberg. ein making-of
Vorarlberg. Ein making-of.
In der Filmsprache ist ein“Making-of“ der Blick hinter die Kulissen eines Filmes: also die Dokumentation der Entstehung des Werkes. Diese Ausstellung möchte ebenfalls hinter die Kulissen blicken. Sie zeigt, wie Vorarlberg gemacht wurde. Und welche Vorstellungen sich Menschen im Vorarlberg vom Gemachten immer wieder machten. Sie erkundet Gegenstände und den Blick auf sie. Blicke von früher und solche von heute. Geschichtsbilder können und müssen sich wandeln: Forschungen bringen neue Erkenntnisse, aktuelle Entwicklungen können den Blick auf die Vergangenheit verändern. Diesem Umstand möchten wir Rechnung tragen. Auch diese Ausstellung wird sich verändern – und wir freuen uns über Anregungen, Kritik oder Hinweise auf besonders interessante Exponate, die sich vielleicht schon bald in diesen Räumen wiederfinden könnten!

Interpretationsspielräume
Ohne Zweifel haben Kuratoren und Fachwissenschaftler einen Wissensvorsprung gegenüber den meisten Besuchern. Warum die Ausstellung aber welche Argumente vorträgt, welche Objekte ausgewählt werden und wie sie miteinander in Beziehung gesetzt werden, wird höchst selten thematisiert, beeinflusst aber gleichzeitig in hohem Maße die Wahrnehmung des Besuchers. Dieser Ausstellungstext in einer Vitrine mit verschiedenen Löffeln spricht dies an:

Ausstellungstext Gib den Löffel ab
Gib den Löffel ab. Was einfaches Besteck erzählen kann. Ein Museum zeigt Objekte. Weil sie schön sind, weil sie eine Geschichte haben, weil sie Handwerk repräsentieren, weil sie Veränderungen zeigen, weil sie Blickpunkte setzen können. Der Löffel ist gleichsam die künstliche Hand, freigestellt von dieser kann er sein Eigenleben entwickeln. Er führt die Speise zum Mund, er gibt Maß im Kochen oder beim Befüllen der Waschmaschine. Er erzählt kleine Geschichten am Stiel des Kinderlöffels oder erinnert als Souvenir an besuchte Orte. Etliche Leihgeber haben im vorarlberg museum ihren Löffel abgegeben. So erschließen sich über diese Sammlung auch unbekannte und überraschende Welten.

Besonders gefreut habe ich mich darüber, dass auch eine der Kinderschubladen in der Ausstellung buchstäblich vorarlberg mit diesem Thema spielt:

Knopfsammlung
Knopfsammlung. Die Ausstellung zeigt die unterschiedlichsten Dinge. Aber alle sind in Gruppen geordnet. Museumsleute machen das ganz oft. Sortiere du die Knöpfe nach deinen eigenen Vorstellungen.

 

Gestaltungsfreiräume
Macht üben Museen (oder genauer: die Autoren der Ausstellungen) in gewissem Sinne auch dadurch aus, indem sie den Besuchern einen festen Rundgang und damit eine spezifische, in kulturhistorischen Museen oft streng chronologische, Lesart vorgeben. Im Extremfall sind Ausstellungen nicht oder kaum verständlich, wenn die Texte nicht in einer bestimmten Reihenfolge gelesen werden.

buchstäblich vorarlbergDie Ausstellung buchstäblich vorarlberg ist als inszeniertes Schaudepot gestaltet; 26 Objektgruppen geben einen Einblick in die Sammlungen des Museums.
Eine Auswahl der Objekte ist sofort zu sehen; in den Schubladen darunter verbergen sich Einführungstexte, Objekterläuterungen und in den meisten Fällen auch weitere Exponate. Gegenüber gibt es Sitzgelegenheiten mit einer Auswahl passender Literatur für die Besucher, die noch mehr wissen wollen.

buchstäblich vorarlbergNicht nur wir haben lange Zeit in der Ausstellung verbracht und Schublade um Schublade geöffnet, um Objekte zu vergleichen und immer mehr Details zu entdecken. Herausgekommen bin ich mit dem Gefühl, nun viel über das Vorarlberg, seine Geschichte und Mentalität zu wissen – obwohl und vielleicht auch gerade weil es kein Lesebuch im üblichen Sinne war.

Vorarlberg. Ein making of
Aber auch in der Ausstellung vorarlberg. ein making-of,  wo ein chronologisch fester Rundgang zu erwarten wäre, sind Texte und Objekte so arrangiert, dass sie nach Lust und Laune betrachtet und – so schreibt das Ausstellungsteam in seinem Flyer – auch jederzeit ausgetauscht werden können. Ich bin gespannt, ob diese Versprechen eingehalten werden und wie sich das Museum im Laufe der Zeit verändern wird!

Website des Museums: www.vorarlbergmuseum.at

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One comment on “Museum und Macht – Ein Besuch im vorarlberg museum
  1. Pingback: Museen und Politik | Zeitläufer

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