Museen und politischer Wandel

13.12.2013Lindas Anmerkungen zur Ukraine, der Bedeutung des Einsatzes eines jeden Einzelnen von uns und zu unserer Konferenz haben mich beschäftigt und mich an meine eigenen Erfahrungen in einem weiteren Land der Region, in Belarus, erinnert. Ich habe dort bis vor ein paar Monaten drei Jahre gelebt und persönlich ganz ähnliche Erfahrungen gemacht wie Linda in der Ukraine. Es sind die Menschen, auf die es ankommt, es sind die persönlichen Beziehungen, die das gegenseitige Bild voneinander prägen. Und es sind die Menschen, die Veränderungen herbeiführen und wenn es noch so lange dauert, wie wir das jetzt in Belarus beobachten. Denn auch dort, das haben mir die Jahre vor Ort gezeigt, passiert etwas, auch wenn wir das nicht wahrnehmen. Die Gesellschaft verändert sich, die Menschen machen ihre Erfahrungen – die einen auf Reisen und im internationalen Austausch, die anderen durch die Folgen der Globalisierung, die auch Belarus erreicht hat.

Bei diesem Prozess spielen die Museen eine ganz besondere Rolle. Sie entwickeln sich zu Orten der Kommunikation, der Diskussion und Begegnung mit dem Eigenen und dem Fremden. Für uns ist das vielleicht selbstverständlich, für Belarus ist es das keineswegs. In der Sowjetunion gehörte der Museumsbesuch einerseits zum eher langweiligen (schulischen) Pflichtprogramm, andererseits genossen Museen den Ruf einer höheren Bildungsanstalt, in der man vielleicht selbst nicht ständig die knapp bemessene Freizeit verbringt, auf die man aber stolz ist und mit Freunden und Gästen an Feiertagen zur Erbauung besucht. Eine besondere Anstrengung zur Gewinnung „neuer Zielgruppen“ war den Museen eher fremd.

Zwar haben die Museen heute noch immer, anders als in vielen westlichen Staaten, das Image der „Musentempel“. Doch müssen und wollen sich die Museen verändern, Besucher aktiv ansprechen, neue Angebote entwickeln und sich der verändernden Gesellschaft anpassen. Fast unbemerkt üben sie damit ihrerseits einen Einfluss auf eben diese Gesellschaft aus, rütteln ihre Besucher auf, stellen Fragen nach dem Umgang mit dem kollektiven Erbe, der Bedeutung von Kunst und Kultur vor dem Hintergrund politischer und wirtschaftlicher Krisen sowie nach dem Selbstverständnis als Nation.

Weil Museen und Museumsmitarbeiter viele Antworten auf diese Fragen geben können, halte ich es für so wichtig, die belarussischen Kollegen zu der Konferenz nach St. Petersburg einzuladen, zumal für den seltenen Austausch mit internationalen Kollegen dieses Mal keine Sprachbarriere besteht. Mindestens genauso wichtig ist es aber, sie, ebenso wie die Kollegen aus der Ukraine und anderen Ländern der Region, in unseren Dialog auf dieser Plattform einzubinden, um gemeinsam zu diskutieren, was jeder einzelne von uns tun kann, um das Potential der Museen und unserer Ausstellungsprojekte für eine weitere Öffnung der Gesellschaft und ihren Austausch mit anderen auszuschöpfen.

Zur Lage der Museen in Belarus siehe auch hier.

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