Museumspolitik und die Freiheit der Kultur

Museen im Spannungsfeld zwischen statistischer Selbstdarstellung und Daseinsvorsorge

Autor: Dr. Dr. Markus Walz, Professor für Theoretische und Historische Museologie an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig

1. Museen sind unpolitisch
Am Anfang vieler Museen stehen urpersönliche Leidenschaften für bestimmte Dinge, individuelle Forschungen und Naturbeobachtungen, bei denen Sammlungsstücke zusammenkommen, oder, als geläufigste Motivation, Befürchtungen, dass bestimmte Dinge verschwinden könnten, so sie nicht „gerettet“ werden. Manche Sammelnden verstanden es, Sympathie für ihr privates Anliegen zu wecken und so eine Interessengruppe hinter sich (oder taktischer: vor sich) aufzustellen. Gewiss, es gibt etliche staatstragende Museen, die aus fürstlichen Sammlungen hervorgingen oder von der Obrigkeit mit großer Geste eröffnet wurden, doch ist dies nicht der Regelfall. Gesellschaftlich relevant, „politisch“ wurden viele Museen erst im Laufe ihrer Existenz.

Es zählt zu den Grundstrukturen Deutschlands, dass im Zweifel die kleinste Struktureinheit zuständig ist, soweit sie diese Aufgabe bewältigen kann – und der Betrieb der (beliebig zuzuschneidenden) Institution Museum ist durchaus zu schultern. Damit gehören deutsche Museen (nach der Museumsstatistik auch real) überwiegend nicht in das Handlungsfeld Politik im Sinn staatlicher Legislative und Exekutive, sondern zur bürgerschaftlichen Selbstverwaltung der Gemeinden, Städte und Landkreise. So fallen, idealtypisch betrachtet, diejenigen, die Verantwortung tragen, und diejenigen, die die Leistungen des Museums in Anspruch nehmen, in der örtlichen Gesellschaft zusammen – vorausgesetzt, eben diese örtliche Gesellschaft (genauer: deren gewählte repräsentative Vertretung) entschließt sich dazu, die Museumsarbeit nicht der Liebhaberei Einzelner oder einer Amateurvereinigung zu überlassen.

2. Politik ist Kultur ist Politik
Manche Sätze treffen auf Zustimmung, weil ihre mehrdeutige Aussage dem Alltagswissen widerspricht: Korruption und sinnlose Investitionen, Lobbyhörigkeit und Klientelpolitik nähren Zweifel daran, dass Politik Kultur sei, soweit man sich nicht eingesteht, dass oft diejenigen regieren, die man verdient (oder auch: gewählt) hat. Zugegeben, diese Beobachtung blickt absichtlich am Sinn dieses Satzes vorbei, der hinter der Chiffre „Kultur“ die sogenannten Kulturinstitutionen versteckt.
Die Kulturinstitutionen nämlich, so weit sie von der Öffentlichen Hand finanziert werden, sind durchaus keine Politik, vielmehr sind sie Erfüllungsorte von Politik. Aufgabe des Staates wie auch der lokalen Gemeinwesen ist die Herbeiführung des Gemeinwohls und die Daseinsvorsorge, zu beiden gehört die Ausgestaltung der gemeinsamen Lebensweise (die im postmodernen Verständnis Differenzen sehr wohl anerkennt und einschließt). Wenn die Politik in den Leistungen von Museen einen wünschenswerten Beitrag erkennt und sich zur Einrichtung und Finanzierung eines Museums entschließt, definiert sie damit auch die Aufgabe, die diese Institution (einschließlich der darin beschäftigten Fachleute) erfüllen soll.
Die Verantwortlichen von Kulturinstitutionen verwechseln allzu gern Kultur und Kunst und reklamieren deswegen die verfassungsmäßige Freiheit der Kunst für die Kulturinstitutionen. Mit etwas Glück gelingt sogar ein Echo wie in den Presseartikeln zur kürzlich ernannten deutschen Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die programmatisch bekannt gab, möglichst große Freiheiten für Kunst und Kultur – wohlgemerkt im Begriffspaar – für wichtig zu erachten. Daseinsvorsorge gelingt aber nicht mit grenzenloser Freiheit der Handlungsoptionen, sondern nur mit einem klaren Ziel vor Augen, wie schwer und langwierig es auch zu erreichen sei.

3. Macht oder „macht nichts“
Lässt man an dieser Stelle – die ja weniger auf Theater oder Künstlerhäuser blickt – die Kunst einmal außer Acht, so stehen die Kulturinstitutionen beileibe nicht frei von „äußerem Diktat“ da, vielmehr hängt ihre Existenz genau davon ab. Allerdings bedeutet Macht in einem demokratischen Staat nicht, den Launen einer absolutistischen Kaiserin oder eines Papstes ausgeliefert zu sein, sondern den beständigen Aushandlungsprozessen, was in der Gegenwart wichtig genug ist, um weiterhin finanziert zu werden. Die notwendige Balance findet sich nicht zwischen Politik und Kultur, sondern zwischen Bahnhofsvorplatz und Opernhaus, Fußballstadion und Stadtmuseum, Jugendclub und Gedenkzimmer eines Dichters.
Es ist nicht leicht, diese Balance am unbestimmten Begriff des Gemeinwohls abzumessen; man mag ohnehin den Eindruck haben, dass das deutsche Museumswesen auf andere Wahrnehmungsfaktoren setzt: Jahr für Jahr wird der Besuchszahlen-Vergleich der Museen mit den Fußballstadien bemüht, kürzlich wurde wieder einmal ein Allzeithoch der Besuchszahlen deutscher Museen gemeldet (obwohl alle Fachleute wissen, dass diese exorbitanten Zahlen durch die beständige Vermehrung von Museen mit unterdurchschnittlicher Resonanz zustande kommen). Sicherlich stützt ein lebendiger sozialer Treffpunkt, ein funktionierender kommunikativer Ort das Gemeinwohl, doch sind Museen hier leicht durch andere Begegnungsstätten auszutauschen.
Ein Heiner Müller nachgesagtes Bonmot sollte auch Museen zu denken geben: Sind Theater mit vielen verkauften Eintrittskarten gute Theater oder sind es solche, denen viele Aufführungen verboten wurden? Andreas Grünewald Steiger sieht es ganz richtig, dass es nicht um Bewegungen von Fußpaaren geht, sondern um geistige Anstöße, auch wenn sie unbequem erscheinen. Deren Ursprung sollte aber nicht das Atelier von Museumsfachleuten mit Deutungsanspruch sein, sondern der politische Auftrag (der Entschluss der bürgerschaftlichen Selbstverwaltung) genau dazu. Wer sich Handlungsfreiheit einfordert, tritt aus der ungeliebten Erfüllungsgehilfen-Rolle heraus, verliert damit aber auch den Vergleich mit vitaleren Zielstellungen. Weiterbetrieb, Kapitalkürzung oder Schließung? Macht nichts.

Weitere Informationen zum Autor: www.fbm.htwk-leipzig.de/de/fakultaet-medien/professorinnen/weitere-informationen/markus-walz

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2 comments on “Museumspolitik und die Freiheit der Kultur
  1. Zum Beitrag von M Waltz: Die Frage, ob Museen politisch gemeint sind/ waren oder nicht, lässt sich m.E. nicht ohne Differenzierung der verschiedenen Museumstypen beantworten. Die fürstlichen Kunst- und Wunderkammern hatten repräsentative, insofern jedoch höchst “politische” Hintergründe – ein aktuelles Beispiel ist das nun wieder eröffnete “Neue Palais” in Potsdam mit seinem von heute aus höchst spannend zu beobachtenden Kunstpropagandaprogramm in jedem Detail seiner Ausstattung. Als “Mutter der (modernen) Museen” in Europa wird die Gründung des Louvre in der Folge der Französischen Revolution betrachtet: die bisher bestimmten Schichten vorbehaltenen Kunstwerke “dem Volk” zugänglich zu machen, war das Leitmotiv. Und natürlich war es hochpolitisch gemeint. Und natürlich gab es parallel zu dieser hehren Idee eine Menge Zerstörungen von eben dem Kulturgut, was hätte bewahrt werden sollen. – Wer im öffentlichen Kulturbetrieb sein Schiffchen durch die zuweilen unwegsamen Sümpfe der Verwaltung des Öffentlichen zu steuern versucht, kommt früher oder später zu der Erkenntnis, dass wir in diesem Lande ohne Zweifel Handlungsspielräume haben. Der Diskurs muss aus meiner Sicht darum gehen, ob und wie wir diese (aktiv) nutzen und uns bei Entscheidungsträgern, Geldgebern, Sponsoren (und last not least untereinander – es lebe dieser blog!) usw. mit unserer Sachkenntnis einbringen und für die uns anvertrauten Kulturgüter und -werte zu streiten bereit sind.

  2. Pingback: Museen und Politik | Zeitläufer

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