Zentralisierung vs. Föderalismus

Blick in die Dauerausstellung des Kriegsmedizinischen Museums in St. Petersburg.

Blick in die Dauerausstellung des Kriegsmedizinischen Museums in St. Petersburg.

Der Beitrag von Marija Kuzybaeva wirft eine weitere grundsätzliche Frage im Kontext von Museum und Politik auf, nämlich die zentraler und/oder föderaler Strukturen in der Kulturpolitik. Russland wird in diesem Kontext wohl immer noch als zentralistisch wahrgenommen (wie übrigens auch Frankreich), während Deutschland das genaue Gegenteil darstellt: Geprägt durch den Föderalismus, scheint es manchmal gar zu viel an regionalen Besonderheiten und gewachsenen Strukturen zu geben. Aus deutscher Sicht ist es dennoch zu begrüßen, dass sich auch in Russland die Tendenz zur Regionalisierung und Emanzipation einzelner Museen und Museumszweige, wie hier der Medizinmuseen, seit den 90er Jahren des 20. Jh. fortsetzt. Ich habe dies in langjähriger Erfahrung mit der russischen Museumslandschaft selber beobachten können und stimme mit Frau Kuzybaeva darin überein, dass alles andere ein Rückschritt wäre. Mit Blick auf die Museumsgeschichte Russlands im 20. Jh. sollten vielmehr die Besonderheiten in den Regionen, unterschiedliche historische Zusammenhänge und auch individuelle Museumstraditionen weiter gefördert und unterstützt werden.

Neben allen beklagenswerten bürokratischen Beschwernissen, die die Vielfalt mit sich bringt, scheint es mir noch zu früh, diese Weiterentwicklung der Museumslandschaft durch zentrale Maßnahmen erneut zu behindern (zumal diese oft nicht mit weniger Bürokratie einhergehen). Sehr richtig verweist Frau Kuzybaeva dabei auch auf die Motivation der Mitarbeiter, denen viele Museen, insbesondere fern der urbanen Zentren, ihre Existenz unter teilweise extrem schwierigen Bedingungen letztlich zu verdanken haben.
Ich kann all das aus eigener Erfahrung mehrjähriger Zusammenarbeit mit dem Kriegsmedizinischen Museum in St. Petersburg (KMM) bestätigen. Ich gebe zu, dass ich selbst immer dachte, es handele sich um das Leitmuseum der Branche. In dieselbe Richtung geht ja auch die Frage von Marija Kuzybaeva mit Blick auf das KMM, wie dringend denn ein zentrales Museum überhaupt benötigt werde. Vielleicht kann ja das KMM zum Ausgangspunkt einer Diskussion über die Vorzüge und Nachteile von Zentralisierung und Föderalismus im Museumsbereich in Russland werden? Dafür spräche, dass es thematisch nicht nur Kultur-, Museums- und Medizingeschichte vereint, sondern auch noch Militärgeschichte. Damit scheint das Durcheinander an Zuständigkeiten vollkommen, was sich leider auch immer wieder in der konkreten Museumsarbeit zeigt. Dieser Befund sollte ein Ansatz bei der Frage sein, wie die unterschiedlichen politischen Zuständigkeiten und Zuordnungen der medizinischen Museen diese nicht, wie Frau Kuzybaeva beklagt, von anderen Museen trennen, sondern vielmehr überwunden werden können, um dafür übergeordnete Museumsaufgaben in den Vordergrund zu rücken. Es wäre schön, wenn die Konferenz in St. Petersburg diese Fragen für mehrere Länder aufwerfen würde.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Follow

Get every new post on this blog delivered to your Inbox.

Join other followers: