Museum & Politik: Blitzlicht Stadtmuseen Berlin

© Stadtmuseum Berlin (Foto: Michael Setzpfandt)

© Stadtmuseum Berlin (Foto: Michael Setzpfandt)

Dr. Franziska Nentwig, Generaldirektorin
Stiftung Stadtmuseum Berlin im Gespräch

Frau Nentwig, Sie leiten fünf sehr unterschiedliche Museen unter dem Dach der Stiftung Stadtmuseum Berlin. In einem Film über die Museen sprechen Sie von Ihrem Haus als “Stenograph und Gedächtnis Berliner Geschichte und Kultur”. Welche Rolle spielen Museen für Sie bei der Formung und auch Weiterentwicklung kollektiver Identitäten, in diesem Fall Berlins – einer Stadt, die zugleich Hauptstadt Deutschlands und zugleich ein einzigartiges Symbol für die kulturelle und internationale Vielfalt unseres Landes ist?

Museen sind qua Aufgabe Orte der Erinnerung. Sie bewahren, erforschen Sachzeugnisse der Vergangenheit und präsentieren sie – und das macht für mich ganz persönlich den eigentlichen Reiz der Arbeit im Museum aus – im Kontext gegenwärtiger Fragestellungen. Im Fall der Stiftung Stadtmuseum Berlin und ihrer fünf Museumsorte geht es um Objekte der Kultur und Geschichte. Sie repräsentieren auf vielfältige Weise Lebensäußerungen von Menschen, für die Berlin Heimat oder gewählter Lebensort war.

Ich bin immer ein bisschen skeptisch bei der Behauptung, Museen können „kollektive Identitäten formen“ oder gar „weiterentwickeln“. Es ist schon viel erreicht, wenn sich Museen dabei unentbehrlich machen können, das eigene Lebensumfeld nicht nur aus der heutigen Perspektive zu begreifen, sondern dessen historische Gewachsenheit zu entdecken, und sie bei den Besuchern die Lust wecken, dies kennenlernen zu wollen. Und gerade in einer Stadt wie Berlin mit seiner außergewöhnlichen Geschichte und kulturellen Vielfalt stellt dies bereits eine große Herausforderung dar.

Sie verfügen über eine umfassende Sammlung von 4,5 Millionen Objekten, die das Leben in der Stadt in Vergangenheit und Gegenwart widerspiegelt. Inwieweit ist sammeln eine politische Aufgabe? Werden Sammlungskriterien von der Politik beeinflusst? Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Das Sammeln einst und heute geschieht meines Erachtens nie ohne Bezug zum jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld. Die individuellen Museumsaufgaben, das Sammlungskonzept, Vorlieben und Interessen der Sammelnden sind dabei nur eine Seite der Medaille. Je nach politischem System können besonders Museen in öffentlicher Trägerschaft im Fokus politischer Aktivitäten stehen oder – auch und gerade – in ihren Sammlungen politische Rahmenumstände widerspiegeln. Zwei Beispiele aus der eigenen Institution: Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden jüdische Menschen nicht nur systematisch entrechtet, an Leib und Leben bedroht, sondern auch ihrer materiellen Güter und Kunstschätze beraubt. Edelmetalle mussten abgegeben werden. Museen bedienten sich sammelnd daraus. Auf diese Weise kam beispielsweise die heute treuhänderisch verwahrte Silbersammlung ins Haus. In der Zeit der Teilung Berlins nach dem zweiten Weltkrieg, war das Märkische Museum für die West-Berliner nicht mehr zugänglich. Sie gründeten in den 1960er Jahren das Berlin Museum und bauten eine neue Sammlung zur Stadtgeschichte und – kultur Berlins auf. Nicht gesammelt wurden dort Objekte aus dem Osten, während das Märkische Museum nichts aus dem Westen Berlins sammeln konnte. Mit der Folge, dass unsere seit 1874 gewachsene Sammlung in Bezug auf verschiedene historische Perioden höchst unterschiedliche Dichten aufweist. Den Grad der freiheitlichen Ausrichtung einer Gesellschaftsordnung kann man, so meine Auffassung, also durchaus an bestimmten Museumssammlungen ablesen – ja man könnte sagen, sie sind eine Art Seismograf.

Reden wir abschließend noch über das Geld, ebenfalls ein Faktor, der nicht zu allerletzt mit Politik zu tun hat. Um konzeptionell zielgerichtet sammeln zu können, bedarf es entsprechender finanzieller Mittel. Und hier zeichnet sich in den letzten Jahren verstärkt ab, dass öffentlich getragene deutsche Museen über immer weniger Ankaufsmittel verfügen können. Stiftungen, Unternehmen, bürgerschaftliches Engagement helfen zwar nach Kräften. Aber angesichts knapper werdender öffentlicher Kassen schwindet die Bereitschaft von Museumsträgern, feste Mittel für Ankaufetats zur Verfügung zu stellen. Hier müssen wir als Museen vielleicht noch stärker unsere Rolle als „Bewahrer“ von Zeugnissen der Welt, in der wir heute leben, herausstellen. Wenn wir heute nicht oder nicht ausreichend sammeln, wer wird den Menschen der Zukunft – und vor allem womit? – die Vergangenheit „erklären“?

Sie sind seit vielen Jahren Mitglied im Vorstand von ICOM und in dieser Funktion immer wieder außerhalb der Berliner Museumslandschaft unterwegs. Welches waren Ihre eindrücklichsten Erlebnisse in und mit Museen in anderen Ländern?

Der Erlebnisse gibt es viele. ICOM ist mit seinen Prinzipen der internationalen Vernetzung immer besondere Inspirationsquelle. Besonders spannend ist es in meinen Augen dann, wenn via Museumsarbeit Einblicke in andere Kulturen, politische Systeme, Werte und Lebensweisen möglich werden. Als Beispiel möchte ich ein Museumsseminar in Minsk, Weißrussland, im Dezember 2012 nennen: Junge Museumsmitarbeiter aus dem ganzen Land kamen mit Unterstützung von ICOM-Deutschland und ICOM-Belarus zum gemeinsamen Arbeiten und Lernen mit deutschen Museumsexperten unterschiedlicher Fachbereiche zusammen. Das Engagement und der Wille, Museen und damit auch das Land weiterzuentwickeln, und die vielen kreativen Ideen dabei, das hat mich sehr beeindruckt!

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