Das Museum als Identitätsstifter

http://www.belarus.by/en/press-center/press-release/ten-centuries-of-art-in-belarus-expo-opens-in-minsk_i_0000010516.html

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Das Nationale Kunstmuseum in Minsk zeigt derzeit eine Sonderausstellung, die einige Fragen zu „Museum und Politik“ in Belarus aufwirft. Zum einen geht es um die Deutungshoheit nationaler Kunstgeschichte, zum anderen um die Verquickung musealer, wirtschaftlicher und politischer Interessen. Worum geht es?

Gezeigt wird die Ausstellung „10 Jahrhunderte Kunst in Belarus“  (27.3. bis 10.7.2014), das „Projekt des Jahres“ aus Anlass des 75.Jahrestages des Museums. Was auf den ersten Blick selbstverständlich erscheint, ist indes hoch politisch. Der Titel „Kunst in Belarus“ markiert eine Position in der Debatte über die nationale Identität: Was macht Belarus aus? Die Position hat Gewicht, wird sie doch von einem der führenden Museen des Landes formuliert. Ebenso hätte die Ausstellung „10 Jahrhunderte belarussische Kunst“ heißen können, oder nicht? Indem Künstler, Schulen und Strömungen in den Blick genommen werden, die ungeachtet politischer Grenzen einen Bezug zum heutigen Belarus aufweisen (durch den Geburtsort, die emotionale Bindung oder einen Emigrantenhintergrund), wird die Frage, was Belarus ausmacht, in einen breiteren Kontext gestellt, als im Falle der Beschränkung auf die heutigen Grenzen. Die Diskussion kann offener und jenseits politischer Schranken geführt werden. Aber stimmt das auch? Ist es nicht vielmehr so, dass die selbstverständliche Integration von eben jenen Künstlern, Schulen und Strömungen in den belarussischen Kulturraum, die andernorts als die national eigenen angesehen werden, Irritationen hervorruft? Man könnte  meinen, vor die Diskussion inhaltlicher Bezüge der Identität von Belarus stelle die Ausstellung die Frage nach den „eigentlichen“, sprich kulturellen und kunsthistorischen Grenzen von Belarus. Das mag spitzfindig klingen, hat aber angesichts des Ringens um eine nationale Identität, die von belarussischen Intellektuellen und der Regierung durchaus unterschiedlich gedeutet wird, durchaus eine hohe politische Brisanz.

Noch ein anderer Aspekt berührt die Dimension des Politischen: Die Ausstellung wurde von dem Museum in Kooperation mit zwei Banken und dem Kulturministerium realisiert. Eine Einflussnahme habe es von keiner Seite gegeben, so das Museum offiziell, aber bei genauerer Nachfrage ist zu erfahren, dass durchaus um Kompromisse gerungen wurde. Was aus unserer Sicht noch als Druck von Sponsoren durchgehen würde, mit dem jedes Museum seinen eigenen Umgang finden muss, ist in Belarus von politischem Einwirkung nicht zu trennen. Bekannt ist, dass alle Banken staatlich kontrolliert werden. Seit der letzten großen Ausstellung im Nationalen Kunstmuseum zur Pariser Schule (2011) wissen wir zudem, dass die Sammlungen, die sich einige Banken seit einigen Jahren aufbauen, auch dazu dienen, Kunstwerke für Belarus zu sichern (etwa Werke von Chagall oder Soutine), die sich die Museen des Landes nicht leisten können. Einige der Werke verbleiben in den „Privatsammlungen“ und werden für Ausstellungen zur Verfügung gestellt, andere werden den Museen „geschenkt“. Dass in der Präsentation dann schon mal das Werk der Bank den Vorrang vor einem Exponat aus den Sammlungen des Museums oder der Nationalbibliothek erhält (wie hier eine Skaryna-Ausgabe oder ein Statut des Großfürstentums Litauen), scheint vor diesem Hintergrund verzeihlich. Problematischer wird es schon, dass in der Werbung für die Ausstellung die 29 (!) belarussischen Museen sowie privaten Sammler als Leihgeber hinter den Banken zurücktreten müssen. Erst bei nähere Beschäftigung mit der Ausstellung stößt man überhaupt erst auf diese bemerkenswerte Vielfalt, die ja nicht zuletzt auch ein starkes Argument in der Diskussion um den Kunstraum Belarus ist.

Mein erster Impuls beim Rundgang durch die Ausstellung war der Gedanke, dass sich diese Sonderausstellung ebenso gut als Dauerausstellung eignen würde, ja, eigentlich viel besser als diese wäre, bietet sie dem Besucher doch eine chronologische und in Schulen eingeteilte Präsentation der nationalen Kunstgeschichte, also dessen, was man, zumindest als Ausländer, im nationalen Kunstmuseum erwartet. Als ich dann im Anschluss zum wiederholten Male durch die Dauerausstellung schlenderte, immer wieder aufs Neue verwirrt und angeregt zugleich durch die Werke polnischer, russischer, litauischer, ukrainischer, jüdischer und weniger scheinbar eindeutig belarussischer Künstler, beschlich mich ein vertrautes Gefühl: Eine Sensibilität für Zwischentöne, die sich angesichts offener Fragen und unterschiedlicher Eindrücke einstellt, ein Gefühl, das für mich untrennbar mit Belarus verbunden ist. Die jetzige Dauerausstellung des Kunstmuseums ist ein Ausdruck dieser Vielgestaltigkeit der „Kunst in Belarus“ – eine kunsthistorisch geordnete Festlegung auf das, was Belarus ausmacht, kann vor diesem Hintergrund nur eine Beschränkung sein.

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