Die Diskussion geht weiter!

Generalstabsgebäude der Eremitage

Generalstabsgebäude der Eremitage

Auch der Vormittag des zweiten Tages der Konferenz brachte viele neue Anregungen. Vorträge waren heute von deutschen, amerikanischen und russischen Kollegen sowie, zum Auftakt, von Wim de Vos aus Belgien zu hören. Zu Beginn unterstrich Michael Henker, Präsident ICOM Deutschland, noch einmal die Bedeutung dieser Konferenz gerade hier in St. Petersburg und auch angesichts der Krise. Immer wieder, so Henker, hätten sich die drei Nationalkomitees darüber verständigt, wie mit der aktuellen Lage umzugehen sei. Man  habe sich ganz bewusst entschieden, an der Konferenz festzuhalten. Wichtig sei es, die Gesprächskanäle offen zu halten, um so die Basis für eine gemeinsame Lösung der Probleme zu festigen.

Als erster Redner sprach Wim de Vos, Vorstandsmitglied von ICOM International. An einer Auswahl von Resolutionen von ICOM zeigte er auf, welchen Themen sich der Verband seit seiner Gründung 1946 gewidmet hat mit dem Ziel, durch Appelle an die Regierungen für die Interessen der Museen einzutreten. Die letzte dieser Resolutionen wurde im vergangenen Jahr in Rio de Janeiro verabschiedet. Konkret nannte er Beispiele aus den  musealen Kernbereichen Sammlung (Schutz von Kulturgütern, Dokumentation, Freiheit der Kuratoren), Bildung und Forschung (Konservierung und Restaurierung, museologische Ausbildung, Vermittlungsprogramme, Volontariate) sowie Wirkung in der Öffentlichkeit (Museen und Schulen, Tourismus, Museen und Menschenrechte). Bei der Weiterentwicklung dieser und noch weiterer von de Vos genannten Themen bringe ICOM uns alle zusammen bei der Arbeit, die wir lieben,  so sein Fazit.

Sally Yerkovich hatte schon in unserem Blog über die Ethik in den Museen geschrieben. In ihrem heutigen Vortrag  machte sie auf die vielfältigen Gefahren aufmerksam, die die Unabhängigkeit und Integrität von  Museen bedrohen. Ausgangspunkt war die 1995 verabschiedete Satzung zur Ethik  der Museen, die seitdem mehrfach überarbeitet wurde. Als Herausforderungen machte Yerkovich beispielweise die vielfältige Bedrohung von Sammlungen, den wirtschaftlichen Druck, den Kulturgüterschutz, das Vertrauen der Öffentlichkeit und Sicherheitsfragen aus. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, ermittelt das Institute of Museums Ethics an der Seton Hall University ethische Kriterien für Museen,  indem auf der Grundlage von Zukunftsszenarien die Konsequenzen für die Museen erarbeitet werden. Dahinter steht der Gedanke, dass Museen sich dem Leben anpassen  müssen, zumal ihre Rolle in der Gesellschaft zunimmt. Letztlich widmete sich Yerkovich allgemeinen Tendenzen im Museumsbereich, eine Analyse des speziell  ethischen Aspektes war dabei nicht immer erkennbar. Überzeugend aber war ihr Plädoyer für die Freiheit und Unabhängigkeit der Museen als Grundlage für die Lösung aller anderen Fragen. Nur unter Achtung und Wahrung ethischer Normen können Museen Wirkungsmacht entfalten.

Matthias Henkel sprach anschließend über „Museums as holy sites of modern-day“. Im Zentrum seiner Ausführungen stand die Architektur von Museen, deren Bedeutung seit dem 18. Jh. stetig zugenommen habe. Anhand von historischen und aktuellen Beispielen entwickelte er seine These, dass der hohe Symbolwert der Museumsbauten häufig im Widerspruch zu den spezifischen Anforderungen stehe, die ein Museumsbetrieb mit sich bringt. Das wiederum habe negative Auswirkungen auf die Arbeit der Museen selbst sowie ihre soziale und politische Funktion. Henkel regte daher an, diese Diskrepanz stärker zu reflektieren und zudem in den Code of Ethics von ICOM aufzunehmen.

Der Special guest des Vormittags im besten Sinne des Wortes war der bekannte Filmregisseur Aleksander Sokurov, Autor vieler Filme, darunter des deutsch-russischen Projektes „Russian Ark“ aus dem Jahr 2002, einem 1,5 stündigen Rundgang durch die Räume der Ermitage. Immer wieder hat er sich in seinem Werk mit der Wirkung von Macht auseinandergesetzt und ist selber mehrfach mit ihr in Konflikt geraten. Seine Anregungen waren Balsam auf der Seele aller Museumsleute. Nach einigen Ausführungen zum Verhältnis von Museum und Macht (hier zeigte sich wieder einmal das Problem der Übersetzung des auf englisch und russisch verschiedenen Konferenztitels), konstatierte er zunächst ein rückläufiges Interesse an Kunst und Kultur. Denn, so Sokurov, die Schlangen vor den Museen dürften nicht darüber hinweg täuschen, dass die Masse der Menschen nicht in die Museen gingen und sich nicht für Kultur interessierten. Mit Schuld daran sei die Kinematographie, die im Gegensatz zu der „aristokratischen“ Museumswelt populär und massenwirksam sei. Die Folge sei, dass die Menschen zunehmend das eigene Denken verlernten, „also auch  einem militärischen Appell folgen und das nicht bereuen“. Um dieser Gefahr zu wirksam zu begegnen, schlug Sokurov vor, die Macht und Popularität des Films mit Hilfe der Museen für die Kultur zu nutzen. Indem Museen aufgrund ihrer einzigartigen institutionellen Kompetenz Kinematheken aufbauten und betreuten, könne dem zunehmenden Desinteresse an „großer Kultur“ entgegengewirkt werden. Neben dem Nutzen für die Kultur verbindet der Regisseur diese Idee auch mit der Hoffnung auf die Realisierung einer Kinemathek in Petersburg, die ihm bisher von den Machthabern verweigert wurde.

Nach diesem Blick von der Seite mit seinen kreativen Anregungen war es ein wenig mühsam, den Ausführungen des russischen Kollegen Michail Bryzgalov zu folgen. Sein Beitrag zur „Soft Power of the Musical Culture of Russia“ war in der heutigen Sektion aufgrund einer Programmänderung zu hören. Möglicherweise geht diese darauf zurück, dass Bryzgalov seit einem Monat Direktor der Abteilung Kulturerbe im Kulturministerium und damit zuständig für alle Museen in Russland ist. In seiner bisherigen Funktion als Direktor des Glinka-Musik-Museums hatte er über seine Ideen zur Funktion von (Musik-)Ausstellungen in den internationalen Beziehungen bereits in unserem Blog berichtet.

Nach abschließenden Bemerkungen der Moderatoren ging es in die wohl verdiente Mittagspause, wo die Diskussion, die leider im Programm an diesem Vormittag zu kurz gekommen ist, fortgesetzt wurde.

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