Impressionen von der Manifesta

manifesta2Im Rahmen der Tagung hatten wir das, wie ich finde, große Glück, auch die Manifest zu besuchen, die Ausstellung internationaler zeitgenössischer Kunst in der Ermitage, zu der es im Vorfeld und auch jetzt noch immer wieder so heftige Diskussionen gegeben hat. Während die „westliche Welt“ Bedenken äußerte, eine solche Ausstellung überhaupt in Russland und dann auch noch vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise zu zeigen, gab es auf russischer Seite viele Stimmen, die der hierzulande weiterverbreitenden Meinung Ausdruck verliehen, „solche“ Kunst und „westliche Dekadenz“ brauche man hier nicht und schon gar nicht in einem der traditionsreichsten Museen des Landes.

Einen Eindruck von diesen russischen Sorgen habe ich im Rahmen einer Führung mit einer der russischen Gruppen erfahren. Nicht nur, dass zunächst die meisten der Teilnehmer äußerst skeptisch dreinschauten, es schien sozusagen die Misere noch zu verstärken, dass ich als einzige Nicht-Russin mich dieser Gruppe angeschlossen hatte. Ich sah viele skeptische Gesichter, die der jungen Führerin zwar aufmerksam zuhörten, wie sich das gehört,  zugleich aber zu denken schienen, dass die Kunst ebenso wie die engagierte Kunsthistorikern wohl aus einer anderen Welt stammten. So zeigte sich keinerlei Reaktion bei der Erwähnung des „White Cube“ oder der „Ready mades“ und schon gar nicht bei der Arbeit „Waiting for Jerry“ mit dem erleuchteten Mauseloch, aus dem Jerry eben nicht kommt, obwohl die Musik die Erwartungen Toms durchaus nachhaltig unterstreicht. Offene Ablehnung gar riefen die Arbeiten von Vladislav Mamyshev-Monroe hervor, aber alles andere wäre vielleicht auch zu viel verlangt gewesen. Nicht überraschend war es daher, dass ein Seufzer der Erleichterung durch die Gruppe ging, als wir den Matisse-Saal betraten, dessen Sammlung die Ermitage anlässlich der Manifesta dauerhaft verlegt hat. Die Herren unter den Teilnehmern konnten sich neben Matisse immerhin an der wirklich bezaubernden Erscheinung unserer Führerin erfreuen, die zugegebenermaßen selbst meine Aufmerksamkeit von Zeit zu Zeit von den Kunstwerken ablenkte.

Nicht zuletzt ihrem Engagement, ihrem kompetenten Ausführungen zu den Künstlern sowie der lebendigen Führung war es dann aber zu verdanken, dass sich die Stimmung zunehmend änderte. Immer aufmerksamer und offener wurden die Gesichter, häufiger die Zwischenfragen und Kommentare, in denen Erstaunen, Verwunderung, Humor und echtes Interesse zum Vorschein kamen – sicherlich nicht das Schlechteste, was zeitgenössische Kunst provozieren kann. Besonders lebendig waren die Reaktionen bei Ilja Kabakov, Pavel Pepperstein oder Wolfgang Tillmanns, deren Arbeiten die sowjetische bzw. russische Realität in den Blick nehmen. Hier war die Kluft über die Akzeptanz der zeitgenössischen Kunst im Allgemeinen längst überwunden. Vielmehr offenbarten sich an dieser Stelle die völlig unterschiedlichen Lebenswelten der meist älteren Zuhörer und der dynamischen und gewandten jungen Frau, die ihr spürbar theoretisches Wissen über die Kommunalka, die sowjetische Gemeinschaftswohnung, zum Besten gab und dafür mit einem milden Lächeln bedacht wurde.

Diese Diskrepanz zeigte sich noch einmal am Schluss der Führung, abermals bei Kabakovs „Rotem Wagon“, der die kommunistische Vorstellung von der bevorstehenden strahlenden Zukunft bis zum totalen Zusammenbruch visualisiert. Hierfür gab es freilich weniger Verständnis als für die nostalgisch verklärte Kommunalka. Am Schluss fragte mich eine Journalistin, welche Arbeit ich am liebsten für das Museum hätte, das ich vertrete. Ich entschied mich für Pavel Peppersteins Arbeit aus dem Jahre 2013 zur bedrängten Lage Europas, worauf sie mich bat, Pepperstein zu buchstabieren und zu übersetzen. Zu hören, dass es sich um den Familiennamen eines bekannten und noch dazu russischen Künstlers handelt, hat sie ehrlich überrascht und – gefreut.

Mit diesen Eindrücken endete diese wirklich anregende Führung, der sich der offizielle Eröffnungsempfang der Konferenz anschloss – mit vielen neuen Begegnungen, warmherzigen Wiedersehen und natürlich dem einen oder anderen Wodka.

Hier gibt es weitere Informationen zur Manifesta und den Künstlern: http://manifesta10.org/en/artists/

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