Artilleriebeschuss auf der Festung

WIN_20140911_084436Das Thema der ersten Sektion war heikel und kontrovers, der Kanonenschuss um 12.00 Uhr hat die Teilnehmer trotzdem kalt erwischt. Erst die Erklärung der Kollegen, dass es sich nicht etwa um eine russische Reaktion auf die Diskussion handele, sondern um eine tägliche Tradition, konnte das Auditorium beruhigen und trug zur weiteren Entspannung angesichts vieler brisanter Themen bei.

Die Rede ist hier von der ersten von vier Sektionen der Konferenz an diesem Tag, die in leider so weit voneinander entfernten Museen stattfanden, dass es unmöglich war, zwischen den Veranstaltungen zu wechseln. Schade, denn in jeder Sektion gab es interessante Vorträge, die zu hören sich gelohnt hätte. Ich aber habe mich für „Museen und Außenpolitik“ entschieden, die im Museum für die Geschichte der Stadt St. Petersburg in der Peter und Paul-Festung stattfand. Der mit Glas überdachte Innenhof der ehemaligen Kommandantur, in dem sich heute die Dauerausstellung des Museums zur Geschichte der Stadt befindet, bot der Konferenz unter dem sonnigen Petersburger Himmel einen ebenso würdigen wie schönen Ort.

Nach einer Begrüßung des Hausherrn und Museumsdirektors, Alexander Koljakin, führte Galina Andreeva, eine der beiden Moderatoren (zusammen mit Wim de Vos), kompakt und kompetent in die Thematik ein. Sie wies auf das breite Spektrum der Fragen hin, das von Kulturpolitik und Diplomatie, über juristische Fragen und konkrete Projekterfahrungen bis zu praktischen Problemen des Leihverkehrs reicht. Dabei benannte sie explizit auch schwierige Themen wie die „Beutekunst“-Frage sowie die aktuelle Problematik der Rückführung von Exponaten aus Museen der Krim durch ein Amsterdamer Museum.

Im ersten Block berichtete Manfred Nawroth von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz von den Projekten der Stiftung zur Unterstützung internationaler Museen. Im Fokus war eine Kooperation der Stiftung im Rahmen eines EU-Twinning-Projektes mit dem Nationalmuseums Georgien, das erste Projekt dieser Art, das umfangreiche Mittel für den Museumsbereich bereitstellte.

Frau Da Kong von der University Leicester sprach zum Thema „China’s cultural diplomacy through loan exhibitions“. Sie konzentrierte sich auf die Kooperation Großbritanniens mit chinesischen Museen im Jahre 2012 und zeigte Grenzen und Spielräume der Zusammenarbeit mit der chinesischen Seite auf. Ihr Fazit fiel dabei erstaunlich positiv aus, die Freiheiten der Kuratoren, aber auch die Abläufe der Organisation seien weitestgehend ohne Einflussnahme verlaufen, die sie jedoch als grundsätzlich bestehendes Problem durchaus konstatierte.

Elizabeth Varner aus den USA widmete sich juristischen Aspekten im Bereich des internationalen Kulturaustausches anhand von zwei neuen Gesetzen, konkret die Immunität bzw. Gerichtssperre gegen kulturelle Objekte betreffend. Sie nannte zahlreiche Beispiele international anhängiger Gerichtsverfahren, darunter auch einige, an denen die Russische Föderation beteiligt ist. Beide Gesetze, so führte Varner aus, dienten letztlich dem internationalen Kulturgüterschutz sowie den nationalen Interessen der USA. Die inneramerikanische Diskussion kam zum Ausdruck in einem Kommentar von Wesley Fisher von der Jewish Claims Conference, der auf den Sonderfall des jüdischen Kulturgutes hinwies.

Karn Exell aus Quatar stellte die umfassenden Pläne für neue Museen am Arabischen Golf vor und gab einen luziden Einblick in die Museumspolitik in einer der reichsten Regionen der Welt. Anhand von mehreren Beispielen, darunter der Louvre Abu Dhabi, stellte sie Finanzierung, Konzept und Ziele der Projekte vor, zu denen beispielsweise Nachhaltigkeit, internationale Kooperationen oder soziale Absichten gehören.

Auch im zweiten Teil war Kulturdiplomatie das verbindende Thema. Natalja Grincheva aus Kanada legte dar, wie gezielte Museumsprogramme der American Alliance of Museums zur Außen- und Kulturpolitik eines Staates beitragen können. Ein Video des Museumsverbandes zu den Grundlagen der internationalen Museumsarbeit und konkreten Projekten enthielt u.a. Aufnahmen von amerikanischen Präsidenten und ihrer Überzeugung von der kulturellen Mission der USA, die von vielen (russischen) Kollegen sicherlich als ein weiterer Beleg für die hier so verhasste Propaganda der USA aufgefasst wurde.

Gregor Lersch aus Frankfurt/O., ausgewiesener Kenner der deutsch-polnischen Museumskooperation in Theorie und Praxis, resümierte die deutsch-polnische Museumskooperation seit dem zweiten Weltkrieg. Dabei nahm er sowohl die alte Bundesrepublik als auch die DDR und aktuelle Projekte in den Blick. Es kam deutlich zum Ausdruck, dass sich in dieser wie kaum einer anderen internationalen Kooperation die Museumsarbeit nicht von den politischen Befindlichkeiten trennen lässt, auf diese aber auch vermittelnd einwirken kann.

Corine Wegener (Smithsonian Institution) machte den Kulturgüterschutz in Kriegszeiten und die Rolle der Museen dabei zum Thema. Ausführlich ging sie auf die „Monument’s men“ und die amerikanische  Position im Zweiten Weltkrieg ein. Von den aktuellen Konflikten nannte sie Beispiele aus Mali, Irak, Libyen sowie Syrien. Wegener ist selbst als Mitglied einer Hilfsgruppe für Museen regelmäßig vor Ort und berichtete über ihre Zusammenarbeit mit dem Militär, dem sie zeitweise selbst angehörte. Den Museen riet sie, auch wenn keine aktuellen Konflikte abzusehen seien, sich für den Fall von Naturkatastrophen oder Terroranschlägen Gedanken zur Evakuierung, auch der Mitarbeiter, zu machen und Notfallpläne auszuarbeiten. Bei kaum einem anderen Vortrag waren der Ukraine-Konflikt und die dort beschädigten  und bedrohten Museen so präsent. Erwähnt wurde er nicht. Die Moderatorin ergänzte vielmehr die Schutz- und Evakuierungsmaßnahmen der sowjetischen Seite während des Krieges sowie die jüngsten Unruhen in Kirgisien, bei denen ICOM Russland zum Schutz der Museen aufgerufen worden war, ebenso in Tschetschenien, wodurch die Nichterwähnung der Ukraine noch greifbarer wurde.

Anna Aponasenko thematisierte die „Trophäen-Sammlungen“ der Ermitage. Ihr Schwerpunkt lag auf den historischen  Fakten der sowjetischen Trophäenbrigaden  und der Haltung der sowjetischen Regierung (in Anwesenheit von  Irina Antonova, die selber Mitglied dieser Brigaden war und mit ihrer Person für die Geheimhaltung der Beutekunst durch die Sowjetunion steht). Kurz nur erwähnte sie die Ausstellungen der verlagerten Kulturgüter nach 1991 vor der Verabschiedung des russischen Gesetzes zum rechtmäßigen Verbleib der Kunstwerke in Russland und kündigte einen Sammelband zum Thema für 2014 an. Die Diskussion zeigte schließlich, dass sich der Umgang mit den historischen Fakten verändert hat, sie offen besprochen werden können, ein Befund, der noch immer nicht für die Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gilt. Dass sich hier nicht viel verändert hat, bestätigte noch einmal das abschließende Koreferat von Irina Antonova.

Nach dem Mittagessen setzte sich in dem dritten Block das Thema der „kriegsbedingt verlagerten Kulturgüter“ zunächst mit einem Vortrag von Britta Kaiser-Schuster fort, die den Deutsch-Russischen Museumsdialog vorstellte, der 2005 gegründet wurde, um über gemeinsame Ausstellungs- und Forschungsprojekte das Vertrauensverhältnis auf der Arbeitsebene zu stärken. Regine Dehnel und Ulrike Schmiegelt-Rietig stellten jeweils solche Projekte des Museumsdialoges vor. Während sich das eine der Neuauswertung sowjetischer Transportlisten von Beutekunst widmet, hat das andere die Rekonstruktion der Verluste ausgewählter sowjetischer/russischer Museen zum Ziel. Offenbar war es der ausdrückliche Wunsch des Museumsdialoges, auch das Transportlistenprojekt hier vorzustellen, was man aus diplomatischen Gründen für nicht zielführend halten kann, was aber doch unzweifelhaft in diesen Themenkomplex und unter dem Thema der Sektion auch angesprochen gehört. Wesley Fisher aus New York brachte die Sprache auf die jüdischen Kulturgutverluste in Folge des Zweiten Weltkrieges und las den einzelnen Ländern sowie den Museen wie gewohnt die Leviten, was den Stand ihrer Bemühungen um Forschung und Restitution betrifft. Weiterhin stellte er die Bemühungen jüdischer Organisationen vor, hierzu in Forschung und Rechtslage zu weiterer Klarheit zu kommen. Brittany L. Wheeler aus Chicago stellte in ihrem Beitrag ein konkretes Beispiel vor, wie das Field Museum of Natural History mit der Fragen der Provenienz und Repatriierung von Objekten der indianischen Kultur in den USA umgeht.

Ich selber habe einen Vortrag zur politischen Funktion von Museen und ihre mögliche Rolle in der Außen- und Kulturpolitik am Beispiel der deutsch-russischen Beziehungen beigetragen. Dieser ging von der Überzeugung aus, dass eine Stärkung der Museen seitens der Politik sowie ein aktiveres Agieren der Museen im politischen Raum dazu beitragen können, nachhaltige Wirkungen zu erzeugen, die sich aus der spezifischen Funktion dieser Institution ergeben. Abschließend stellte Markus Moehring das Dreiländermuseum im Süden Deutschlands vor, das den interkulturellen Dialog zwischen Deutschland, der Schweiz und Frankreich befördert und dies mit einem durchaus politischen Anspruch verbindet.

Insgesamt war dies eine interessante, sehr anregende Sektion, schade nur, dass die Folien der Vortragenden auf den beiden bereitgestellten, leider zu kleinen Bildschirmen meist nicht zu erkennen waren. Auch die Akustik in dem Saal ist leider sehr problematisch. Dafür gab es nach jedem Vortrag Zeit für Fragen, die  zusätzlichen geplanten Blöcke für die Diskussion sind allerdings dem straffen Zeitplan zum Opfer gefallen.

Das Abendprogramm sah einen Besuch in dem vergleichsweise neuen Außenstandort der Ermitage „Staraja Derevnja“ vor, wo sich ein großes, teilweise begehbares Depot befindet. Nach einer Führung klang dieser Tag mit weiteren Gesprächen bei einem Empfang aus, bevor vermutlich alle totmüde in die Betten sanken.

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