Das neue Weltkriegsmuseum in Carskoe Zelo

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Foto: http://rbth.com/arts/2014/08/24/first_world_war_i_museum_in_russia_opens_near_st_petersburg_39229.html

Der Besuch des im August eröffneten Weltkriegsmuseums war einer Programmänderung zum Opfer gefallen und bei unserem gestrigen Besuch der Zarenresidenz vor den Toren von Petersburg nicht mehr vorgesehen. Ich habe dennoch einen Vorstoß gewagt und tatsächlich fanden sich noch einige andere russische Kolleginnen, die die Gelegenheit für einen Besuch des ersten und einzigen Museums zum Ersten Weltkrieg in Russland nutzen wollten. Zusammen sind wir die 20 Minuten durch den wunderbaren Park des Schlosses zum Gebäude der alten Rüstkammer gelaufen. Nur von weitem konnten wir die kleineren Paläste sowie den Weißen Turm sehen, die erst kürzlich restauriert oder umgestaltet wurden und der Öffentlichkeit übergeben worden.

Ein Gebäudekomplex wies uns schon den Weg zu unserem Thema, dem Ersten Weltkrieg. Dort hatten die Zarenkinder während des Weltkrieges gespielt, in der Außenanlage erkennbar an den „Schützengräben“. Das Museum selbst befindet sich in einem Gebäude, in dem schon im Ersten Weltkrieg ein Museum eröffnet werden sollte. Aufgrund der politischen Entwicklung ist es dazu nicht gekommen. Die dafür eigens gesammelten Bestände wurden dem Artilleriemuseum übergeben, wo sie sich teilweise heute noch befinden.

Für das neue Museum, das das Kulturministerium mit 295.000.000 Rubel bezuschusst hat, wurde eine eigene neue Sammlung gekauft. Bestände zum Ersten Weltkrieg gibt es in den russischen Museen wenig, da der Krieg während der Sowjetunion vergessen bzw. verdrängt wurde. Es gab daher kaum ein Museum, das bereit war, aus den eigenen Beständen etwas abzugeben. Umso erstaunlicher ist es, was die Museumsmacher gefunden und erworben haben.

Die Ausstellungsfläche selbst ist mir 800 qm nicht groß, die Präsentation besticht durch Klarheit und keine Überfüllung durch Exponate. Die Exponate sind beschriftet (russisch), weitere Texte finden sich in mehreren Computerstationen mit Touchscreens, die jeweils verschiedenen Themen gewidmet sind. Dort finden sich viele weiterführende Informationen, Filmmaterial, Fotos und Quellentexte. Die Gestaltung ist schlicht, häufig findet man eine Verbindung von Originalen und Filmaufnahmen. Hier ist die Mischung aus historischen Filmen und Aufnahmen von Reenactment-Veranstaltung zu beklagen. Eine Liste der gezeigten Filme findet sich nirgends.

Der westliche Besucher mag sich zudem über die teilweise pathetische Kombination von Kriegsgerät  und Ikonen oder anderen religiösen Bezügen wundern, so unmittelbar im Eingangsbereich. Schaut man jedoch in die Geschichte des Museums selbst, die außer in der Ausstellung selbst auch in Kürze  in einem kleinen, aber informativen Begleitheft (russisch) dargelegt ist, so erfährt man, dass dies ursprünglich so vorgesehen war, befand sich das Land noch im Krieg, als die Pläne gemacht wurden. Vor diesem  Hintergrund war ich positiv überrascht, ich hatte eine weitaus pompösere Darstellungsform erwartet, hat man die aktuell Welle der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Russland im Blick. Führt man sich dann noch vor Augen, dass es in Carskoe Zelo zum Kriegszeiten Truppenteile stationiert waren und ein Militärfriedhof angelegt wurde, so kann man der Wahl des Standortes für dieses Museum nur begrüßen.

Gerne hätte ich mehr erfahren über Vermittlungs- und Führungsprogramme, dafür reichte aber leider die Zeit nicht. Trotzdem bin ich sehr froh, die Gelegenheit zu diesem Besuch gehabt zu haben und kann jeden, der sich mit dem Ersten Weltkrieg in Russland, vor allem aber den Formen der Erinnerung daran beschäftigt, eine Reise nach Carskoe Zelo nur empfehlen.

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