Im Ural!

Foto: http://de.dreamstime.com/stockfoto-demidovs-geneigter-kontrollturm-image16652890

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Nach dem ersten erfolgreichen und angefüllten Konferenztag in Jekaterinburg ging es heute noch tiefer in die russischen Weiten. In zwei Gruppen  machten sich die Teilnehmer auf, um ihre Sektionen vom Vortag in Nizhnyj Tagil und in Irbit fortzusetzen  und dies mit der Besichtigung der Museen vor Ort zu verbinden. Die Abfahrt war für 8.00 Uhr angesetzt und uns allen war wohl eine gewisse Erschöpfung anzumerken. Unsere Gruppe machte sich auf den Weg nach Norden in Richtung Tagil. Während der einstündigen Fahrt erhielten wir weitere Informationen über die Stadt und die Region und genossen einen zunehmend bezaubernden Ausblick in die Natur und ihre unendlichen Weiten, die meisten allerdings nutzten diese kurze Konferenzpause für einen Power Nap.

Unser erster Halt war Nevjansk, 100 km nördlich von Jekaterinburg, was  man gleich an dem deutlich kühleren Wind spüren konnte. 1701 zusammen mit dem Eisenwerk des Unternehmers Demidow gegründet, zählt die Stadt heute 25.000 Einwohner. Es war Demidow persönlich, der uns empfing, jedenfalls wirkte er täuschend echt. Er stand auf der ersten Etage des sog. Schiefen Turms, einem Wachturm der damaligen Fabrik und durch seinen Neigungswinkel von ca. 2 Meter an der Spitze eine der Hauptattraktionen des Ortes. Im Eiltempo führte man uns durch das Museum mit einem herrlichen Ausblick vom Turm (siehe Foto). Zum Abschied gab es einen Wodka zum zweiten Sonntagsfrühstück, Gastgeschenke und viele herzliche Worte, bevor wir eine weitere halbe  Stunde weiter nach Tagil fuhren.

Dort erwartete man uns im örtlichen „Gesellschaftspolitischen Zentrum“ in der Leninstraße, das von einem großen Plakat mit der Ankündigung der „Museum & Politics“-Konferenz für heute geschmückt war und von großen Erwartungen zeugte. Das Buffet war eindrucksvoll und mit einer heißen Tasse Tee allen willkommen. Das Interesse an der Tagung war groß, der Saal hatte kaum genug Sitzplätze für alle. Leider gab es nicht nur keine Simultanübersetzung, sondern bei den russischen Beiträgen wurde ganz auf eine Übersetzung verzichtet bzw. es gab eine direkte Übersetzung für die Gruppe der amerikanischen Gäste im Saal. Dieser Umstand trug später noch zu einer lebhaften Diskussion bei, die sicher anders verlaufen wäre, wenn für die Übertragung wenigstens ins Englische gesorgt gewesen wäre.

Die Begrüßungsworte – „Tagil ist der Ural im Miniaturformat“ – sprach Elvira Merkushova aus dem örtlichen Museum zur Industriegeschichte und eine der Moderatorinnen der Sektion. Zweiter Moderator  war Bruno de Korte aus Belgien, eine perfekte Wahl für diese Sektion, da er die Beiträge als Fachmann (er hatte gestern einen eindrucksvollen Vortrag über die nachhaltige Entwicklung der Industrieregion Rupel in Belgien gehalten) kommentieren konnte und zudem stets den richtigen Ton  angesichts der bei den Organisatoren vorherrschenden Nervosität fand. Er verwies auf die Erfahrung Belgiens und die Gemeinsamkeiten mit der Region Sverdlovsk und betonte die angesichts des Übergang  zur postindustriellen Entwicklung große Bedeutung des Themas über nationale Grenzen hinweg. Anwesend waren außerdem Natalja Vetrova, Direktorin des Gebietsmuseums in Jekaterinburg, Aleksej Levykin, Direktor des Staatlichen Historischen Museums in Moskau sowie weitere Vertreter der Region. Es  folgten drei Vorträge zur Entwicklung der Region und des industriellen Erbes, wobei die Kultur als ein entscheidender Faktor des regionalen Images hervorgehoben wurde.

Apropos Nervosität: Bei der Begrüßung vergaß Merkushova für eine Schrecksekunde den Namen des Vertreters der Kulturverwaltung und verhedderte sich bei einer Nachfrage von Natalja Vetrova (vormals Kulturministerin der Region) in nicht enden wollende Erklärungen. Auch die Übersetzerin war sichtlich angespannt und zudem alarmiert, was zu einer häufig freien Übersetzung führte. Als de Korte beispielsweise einen Satz einleitete „Die Konferenz hat ein Problem…“ (um später fortzufahren, dass sie leider zu kurz sei, um alle Fragen  anzusprechen), lautete die russische Übersetzung: „Das Thema der Konferenz ist von großer Bedeutung“. Immer wiederfügte sie ihrer Übersetzung einen Kommentar hinzu, in dem sie ihren eigenen Gefühlen Ausdruck verlieh oder die Zuhörer von  dem offenbar überraschenden Interesse der ausländischen Gäste berichtete, ohne dass dies explizit gesagt worden war – auch wenn es ohne Zweifel wahr ist!

Die Anspannung entlud sich dann im zweiten Teil der Sektion auf unerwartete Weise. Wie von ihnen selbst geplant, wollten die russischen Kollegen eine Resolution verabschieden, wie das auf russischen Konferenz gerne gemacht wird. In diesem Fall ging es um die Bedeutung der Entwicklung des industriellen Erbes und seine Bedeutung für die Identität der Region, verbunden mit konkreten Zielen der Projektentwicklung und Forderungen an die zuständige Verwaltung. Der Knackpunkt waren darin formulierte Erwartungen an die internationale Seite für konkrete Schritte der Zusammenarbeit.

Wie üblich war der Text schon in mehrfacher Ausführung fertig, der russische Text wurde den ausländischen Gästen kurzerhand spontan ins Englische übersetzt, bevor sie zur Unterschrift gebeten wurden. De Korte war sichtlich überrascht, er suchte die richtigen Worte, um auf begriffliche Unterschiede im Umgang mit dem Thema hinzuweisen sowie für eine längerfristige und realistischere Ausarbeitung einer solchen Resolution zu werben. Sensibel, aber doch deutlich unterstrich er, dass er bzw. die internationalen Gäste leider keinen „Blankoscheck“ ausstellen könnten, jedoch gerne für weitere Gespräche zur Verfügung stünden. Dies wiederum führte im Folgenden zu einem lebhaften Austausch, der ein Musterbeispiel für die unterschiedliche Wahrnehmung unseres Konferenzthemas „Museum und Politik bzw. Macht“ darstellte. Die örtlichen russischen Kollegen versuchten die Resolution doch noch zu erreichen, indem sie auf den ausschließlich Nutzen für ihre Seite hinwiesen, sagten, dass sie das Papier lediglich bräuchten, um auf die örtliche „Macht“ einzuwirken. Die deutsche Seite verwies auf andere Verfahrensweisen, wie sie bei  uns üblich sind, was jedoch an den russischen Kollegen völlig vorbei ging. Der Hinweis auf die derzeit schwierige politische schwierige Situation, in der die Einbeziehung westlicher Ausländer von Nachteil sein könnte, wurde gar mit Befremden aufgenommen.

Die Lage beruhigte sich jedoch alsbald durch verschiedene russische Beiträge, darunter von Levykin, Vetrova  u.a., die jeweils praktische Vorschläge zur Lösung machten, nämlich eine deutlich vereinfachte Absichtserklärung zu unterschreiben bzw. das Projekt zunächst mit ICOM Russland und erst dann mit den internationalen Partnern zu diskutieren. Der ehemalige Direktor des Industriemuseums hielt eine flammende Rede mit einem Aufruf zu gegenseitigem Verständnis und überreichte mit einer emotionalen Geste ein Geschenk an de Korte, den er schon lange kenne und als einen Freund bezeichnete. Dieser bedankte sich einfühlsam und schlug vor, eine kurze Pause zur Beratung der ausländischen Gäste zu nutzen.

So wurde es gemacht, wir zogen uns zurück und fanden mit dem Vorschlag einer verkürzten Resolution als Grundlage für die weitere Diskussion auf ICOM- und Projektebene eine gute Lösung, die wir mit den Vertretern von ICOM USA und Russland abstimmten. Bevor wir diesen Vorschlag jedoch unterbreiten konnten, „musste“ das Mittagessen eingenommen und das vorbereitete Programm absolviert werden. Dieses sah für vier Gruppen die Besichtigung verschiedener Museen und industrieller Denkmäler vor: Die alte Demidov-Fabrik, das Regionalgeschichtliche Museum, das Naturkundemuseum sowie ein Fabrikmuseum. Der Rundgang durch die Demidow-Fabrik war sehr eindrucksvoll und festigte noch einmal die Absicht der Museumsleiterin und de Kortes für einen weiteren Austausch.

Zu der auf später verschobenen Abschlussdiskussion als Forum für den Vorschlag einer überarbeiteten Resolution kam es nicht mehr. Ob dies an dem Zeitdruck lag, einem Organisationsproblem oder letztlich doch an der Verstimmung Merkushovas lässt sich wohl nicht klären. Aber auch von deutscher Seite kam kein Signal mehr, hier zu einer Vereinbarung zu kommen, was jedoch der insgesamt versöhnlichen Stimmung keinen Abbruch tat.

Der Tag endete mit einer Pressekonferenz und der Rückfahrt der internationalen Gäste zum Flughafen sowie der russischen Teilnehmer zurück nach Jekaterinburg. Für uns war dieser Ausflug ein fulminanter Abschluss, der die letzten Fachvorträge mit der Besichtigung originaler Schauplätze sowie der unvergleichlichen russischen Gastfreundschaft verband und den Gesamteindruck dieser ICOM-Tagung als ein unvergessliches Erlebnis eindrucksvoll und nachhaltig unterstrich.

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3 comments on “Im Ural!
  1. Liebe Frau Janeke! Vielen Dank für Ihren eindrucksvollen Beitrag. Ich bin im Moment krank und muss mein Kommentar jetzt sehr kurz halten. Ich hatte schon Fieber vor und während der Konferenz in Nizhnyj Tagil, wollte aber meine alte Freunde im Ural nicht im Stich lassen. Zu die Sache der Erklärung. Ich war vor allem beängstigt da ich plötzlich zwei Kulturen aufeinander sah treten, die deutlich ihre eigene Gewöhnheiten hatten. Wenn ich zum “Stab Quartira” aufrief habe ich das Publikum auch deutlich vorher gesagt, dass ich persönlich mit dem Dokument kein Problem hatte. “I WILL SIGN THIS DOCUMENT, I PROMISE YOU” ist meine Ansprache am Publikum gewesen. Und ich habe auch an das Verhalten meiner Freunde in Tagil gesehn dass ich deren Vertrauen hatte. Aber als Mitglied einer Mikroorganisation lagen für mich die Sachen anders als bei den grossen Organisationen wie z.B. ICOM Deutschland und da befürchtete ich ein Problem, eigentlich eher einen Formfehler weil Allen waren zutiefst beindruckt waren von der grösse Mühe die unsere Tagiler Kollegen gegeben hatten. Wäre ich in besserer Gesundheit gewesen, hätte ich es wahrscheinlich anders gemacht. Und jetzt muss ich mich wieder hinlegen, aber ich melde mich bald wieder. Liebe Grüsse, Bruno de Corte, Belgien.

  2. Liebe Frau Janeke, wo ist eigentlich den Text unserer Ad Hoc Kommission geliegen? Haben Sie vielleicht eine Kopie? Vielen Dank für Ihre Mühe!
    mfGr
    De Corte

  3. Lieber Herr de Corte, ich danke Ihnen für Ihre Rückmeldung und wünsche Ihnen zunächst gute Besserung! In der Tat war die Verwirrung um die Resolution ein Paradebeispiel interkultureller Kommunikation, an deren letztlich konstruktiver Lösung Sie einen entscheidenden Anteil hatten. Der Text unseres Kompromissvorschlages liegt mir leider persönlich auch nicht vor. Ich schlage vor, dass wir uns noch einmal auf direktem Wege austauschen, sobald Sie wieder gesund sind, einverstanden?
    Herzliche Grüße vom II. Belarussischen Museumsforum in Gomel,
    Kristiane Janeke

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