“Wir, die Museen, stehen nicht außerhalb der Politik, aber darüber”

Foto: http://topdialog.ru/2013/12/05/yuliya-kantor-za-god-kultury-k-etoj-sfere-budet-privlecheno-bolshe-vnimaniya/

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Prof. Dr. Julja Kantor, Historikerin, Journalistin und Beraterin von Michail Piotroskij, Direktor der Staatlichen Ermitage in St. Petersburg, hielt auf der Konferenz in der Sektion 3 „Museums and ‚Hard History‘“ einen Vortrag zum Thema “The paradigm  ‚The historical truth – historical memory – historical policy‘ in Russia. Museum aspect“. Zwei Tage nach der Konferenz habe ich mit ihr über die gesamte Konferenz gesprochen.

Welches waren Ihre stärksten Eindrücke?

Als stärkster Eindruck bleibt zunächst mal die Tatsache, dass die Konferenz überhaupt stattgefunden hat und dass die Vertreter der drei ICOM-Komitees zusammen gekommen sind. Weiterhin hat mich die professionelle und konstruktive Atmosphäre beeindruckt, was ja vor dem Hintergrund der aktuell schwierigen internationalen Situation nicht selbstverständlich ist. Dabei gab es weder das Bestreben,  die schwierigen Themen  unter den Teppich zu kehren, noch bewusste Provokationen oder auch übertriebene politische Korrektheit. Das freut mich sowohl als Historikerin als auch als Museumsmitarbeiterin. Die  ICOM-Vertreter und Mitglieder haben eine gemeinsame Sprache gefunden. Damit haben sich Kultur und Museum als ein nachhaltig internationales Milieu erwiesen. Es hat sich gezeigt, dass das Museum und sein Umfeld ein gutes Medium für schwierige Fragen ist, in dem Propaganda und ein Drumhrumreden keinen Platz haben sollten. Wie schmal der Grad zur Politik ist, hat Vladimir Tolstoj, übrigens mit einer Formulierung Piotrovskijs, zum Ausdruck gebracht: „Wir stehen nicht außerhalb der Politik, wir stehen darüber.“ Tolstoj verbindet beide Bereiche in seiner Person: Er übt eine  wichtige Funktion in der Politik als Berater aus, hat es aber geschafft, dies auf der Konferenz  weitestgehend außen vor zu lassen und als Museumsexperte aufzutreten.

Das zweite, was mich beeindruckt hat, war die ernsthafte Arbeit in den Sektionen, wo auch über den unterschiedlich übersetzten Titel der Konferenz gesprochen  wurde: Museum  und Politik bzw. Macht“. Diese Differenz ist fundamental für unsere Diskussionen.

Haben Sie für sich und Ihre eigene Arbeit neue Impulse erhalten?

Etwas fundamental Neues habe ich für mich nicht entdeckt. Allerdings war es für mich von besonderem Interessen, die Diskussionen zu verfolgen, die bei unseren internationalen Partnern geführt werden. Ich beschäftige mich selbst mit deutscher Geschichte und der deutschen Museumslandschaft, dazu gab es viele Vorträge in meiner Sektion. Dabei wurde deutlich, dass die deutschen Kollegen ähnliche Diskussionen führen, wie dies auch in Russland der Fall ist und diese auch dort keineswegs  entschieden sind. Insbesondere ging es um Fragen, was eine gute Ausstellung ausmacht: Interaktion, Partizipation, Dialog usw. Auch die Frage nach dem Wert und der Bewertung des originalen Exponates wird nach wie vor kontrovers diskutiert.

Für mich waren die Berichte aus den Gedenkstätten von Interesse, vertreten auf der Konferenz war Buchenwald, ich selbst kenne auch Sachsenhausen. Im Vergleich zu sowjetischen Zeiten hat sich hier die Darstellung stark verändert. Zu beobachten ist eine anhaltende Tendenz von einer ehemals stark emotionalen Darstellung hin zur Präsentation originaler Exponate.

Wo sehen Sie die Perspektiven der internationalen Zusammenarbeit von Museen, welche Wünsche haben Sie persönlich für die zukünftige Kooperation?

Zunächst mal: Sie sollte weitergehen, auch und gerade unabhängig von der weiteren politischen Entwicklung. Die Konferenz hat gezeigt, dass wir eine gemeinsame Sprache  haben, diese sollten wir uns bewahren. Wichtig ist, dass gemeinsame Ausstellungsprojekte auch weiterhin realisiert werden. Es ist gut, dass bisher meines Wissens nichts abgesagt wurde.

Eines meiner Themen, mit denen ich mich beschäftige, sind die kriegsbedingt verlagerten Kulturgüter. Auch die Diskussion darüber sollte weitergehen und zwar ganz offen und nicht im Geheimen. Wichtig ist zu verdeutlichen, dass es, wenn  von Russland die Rede ist, in der Nachfolge der Sowjetunion auch um die Situation in Belarus und der Ukraine geht. Das bedeutet, dass die Gespräche nicht allein bilateral geführt werden können, also zwischen Deutschland und Russland, Polen und Belarus oder Russland und der Ukraine. Was wir brauchen ist nicht ein geheimer Dialog unter den Regierungen, sondern ein offener Polylog unter allen Beteiligten. In der Praxis meint das gemeinsame Projekte, in denen die Exponate gezeigt werden, wie das ja schon begonnen hat. Die Ermitage ist hier sehr aktiv und wir sind bereit, auch weiterhin mit unseren Partnern zu arbeiten.

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3 comments on ““Wir, die Museen, stehen nicht außerhalb der Politik, aber darüber”
  1. Who would have the intention, the courage and a sponsor to bring the exhibition “Pavel Korin – Requiem” which was at the Tretjakov-Gallery in Moscou to a German Museum?

  2. It would be great, indeed, to show this exhibition in Berlin/Germany, however, your question already includes your doubts in the chances of realizing this project in those times. Nevertheless, me and some collegues have plans for another German-Russian art exhibition and it would be interesting to get in contact with you in Berlin to hear your opinion. In case you are interested you can find me on http://www.tradicia.de

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